Vom Schulleben an der école vivante

Zwei Monate an der école vivante – eine Zeit, die ich nie vergessen werde

Von Stefanie Zesiger

Der Wecker klingelt, ich schalte ihn aus und – anders als zu Hause in der Schweiz stelle ich ihn nicht auf Schlummern, sondern suche nach der schnellsten Möglichkeit an und in meine Kleider zu gelangen, damit mich die Kälte des Zimmers nicht frösteln lässt.

Da ich im vordersten Dorf des Tals wohne, bin ich die Erste, die vom Schulbus abgeholt wird. Nach und nach steigen die Kinder zu. Sie begrüssen mich fröhlich, sind voller Energie, lachen, sprechen über alles Mögliche und versuchen alles auf französisch zu übersetzen, damit auch ich mitlachen kann. Man spürt richtig, dass sie sich auf den Morgen in der Schule freuen.

In der Schule ankommen, treffen wir die Kinder und LehrerInnen der anderen Hälfte des Tals sowie jene, die zu Fuss gekommen sind. Alle begrüssen uns überschwänglich, manche umarmen mich und die anderen Lehrpersonen freundschaftlich und widmen sich dann wieder ihrer Beschäftigung. Während der ersten halben Stunde haben die Kinder Zeit, nicht nur physisch, sondern auch mental in der école vivante zu landen. Die Erst- und ZweitklässlerInnen spielen oft Rollenspiele wie „Einkäuferlis“. Aber insbesondere, wenn ich bei ihnen bin, nehmen sie pädagogische Spiele hervor, mit welchen sie Rechnen oder Schreiben lernen. Voller Stolz zeigen sie mir, dass sie die jeweilige Materie verstehen und mich besiegen können.

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Im Dritt- und Vierklasszimmer wird fleissig UNO gespielt. Dass die Karten beinahe auseinanderfallen, bemerkt kaum jemand. Betritt man die Räumlichkeiten der fünften Klasse, könnte man den Eindruck gewinnen, dass die Stunde bereits begonnen hat. Die Schülerinnen und Schüler sind damit beschäftigt, das an der Tafel angeschriebene Tagesprogramm in ihr Heft zu kopieren.

Um 9.00 Uhr beginnt die erste Stunde wie immer mit dem gemeinsamen Gebet. Dazu setzen sich die drei Lerngruppen in ihren jeweiligen Schulräumen in einen Kreis. Mädchen ebenso wie Knaben versuchen einen Platz in meiner Nähe zu ergattern und sind zutiefst betrübt, wenn sie es schon wieder nicht geschafft haben.

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Nach dem Beten erklärt die jeweilige Lehrperson den weiteren Verlauf des Vormittags. Dieser kann ganz unterschiedlich aussehen. Manchmal gibt es zuerst einen kleinen Input für die ganze Klasse, oftmals aber arbeiten die Kinder individuell. Während sie sich der jeweiligen Aufgabe widmen, gehen wir LehrerInnen von einem Kind zum nächsten, schauen uns an, wie weit es ist, erklären, was es noch nicht ganz verstanden hat und leiten es zum nächst schwierigeren Schritt an. Manchmal nehmen wir auch jene Kinder, welche auf demselben Niveau arbeiten, in einer kleinen Gruppe zusammen und machen mit ihnen allen gemeinsam eine Übung.

Während ich bei den Kleinsten in Mathematik und Französisch helfe, bin ich bei den anderen Klassen vor allem im Französischunterricht dabei. Mit den Erst- und ZweitklässlerInnen arbeite ich an den Buchstaben, meiner Meinung nach die grösste Herausforderung auf dieser Stufe. Denn während wir in der Schweiz in diesem Alter eine Sprache mit einem Alphabet und einer Schreibrichtung lernen, beginnen sie an der école vivante gleich mit drei verschiedenen Sprachen mit drei jeweils komplett unterschiedlichen Alphabeten und insgesamt zwei verschiedenen Schreibrichtungen (Berbersprache, Arabisch und Französisch).

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Immer wieder versuchen wir mit neuen Spielen, Zeichnungen, Lerntechniken die Kindern mit den drei Schriften vertraut zu machen. Auch wenn ich am Ende der Stunde manchmal keine grossen und konkreten Fortschritte sehen kann, bin ich mir sicher, dass jedes einzelne etwas dazu gelernt hat. So kann ein Kind die Buchstaben vielleicht immer noch nicht schreiben, doch es erkennt sie teilweise auf einem Bild. Ein anderes erzielt bezüglich der Schriftzeichen keinen offensichtlichen Fortschritt, doch es hat gelernt, dass es Geduld haben muss, da ich nicht allen Kinder gleichzeitig zuhören kann.

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Kurz vor Schulschluss versammeln sich die jeweiligen Klassen nochmals im Kreis, beten und singen oft noch Lieder in allen erdenklichen Sprachen. Alle singen lauthals mit – ob sie den Text und die Töne nun treffen oder nicht.

Während zwei Monaten habe ich so an der école vivante als Hilfslehrerin gearbeitet. Eine Zeit, die ich nie vergessen werde! Wenn ich heute hier sitze und diesen Bericht verfasse, schwelge ich in Erinnerungen an die unglaubliche Zeit im Ait Bouguemez und spüre sofort wieder die unbeschreibliche Atmosphäre, welche in der école vivante herrscht. Natürlich gab es ab und an mal wieder kleine Streitereien oder Kinder, welche sich nicht ganz so verhalten haben, wie es erwünscht war. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – hatte ich das Gefühl, dass wir alle eine grosse Familie sind; niemand ist mehr wert als der/die andere, jeder und jede respektiert die anderen und bekommt denselben Respekt zurück.

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