Der Schüler Mohamed erzählt über die Permakultur

Interview mit Schüler Mohamed

Der 10-jährige Mohamed spricht über die zunehmenden Wetterextreme im Hohen Atlas von Marokko. Der kleine Mann hat aber schon die richtigen Antworten – dank seines Permakultur-Unterrichts an der école vivante.

Immer extremer
Das Hochtal Ait Bouguemez in Marokko ist ein Paradebeispiel für die aktuelle Problematik von Klimawandel, Erosion, zunehmender Trockenheit und der drohenden Verwüstung grosser Landflächen. Der campus vivant’e arbeitet mit Erfolg an einfachen Lösungsansätzen. Das innovative Bildungszentrum campus vivant’e befindet sich im marokkanischen Atlas-Gebirge im Hochtal des Ait Bouguemez. Das Tal wird bisher noch «das glückliche Tal» genannt, da es hier durch regelmässige Regenfälle und Schmelzwasser vom Schnee der Hohen Berge ganzjährig immer genug Wasser für eine fruchtbare Landwirtschaft gab.

Aktuell steht die Bevölkerung aber vor der grossen Problematik, dass in den letzten Jahren weniger Schnee fällt und es immer seltener regnet, dafür aber umso heftiger. Die Wassermassen, die dann innerhalb einer Stunde runterprasseln, richten mehr Schaden an als dass sie nutzen: An den kahlen Berghängen rast es ungebremst herunter, führt zu heftigster Erosion, Abschwemmungen und Vermurungen der Strassen. Die kleinen Bäche verwandeln sich in kürzester Zeit in reissende Ströme, die Felder überfluten und auch Menschen und Tiere in Gefahr bringen, mitgerissen zu werden.

Herausforderung für die Bevölkerung

Nach solchen Regenfällen sieht es jeweils erschütternd aus in der Region und trotz der grossen Wassermengen folgt daraufhin schnell wieder Trockenheit und Dürre, da das wertvolle Nass die Menschen wieder einmal überwältigt hat und nicht sinnvoll genutzt werden konnte.

Dieser Herausforderung steht auch Mohamed gegenüber: Der 10-jährige kommt aus einer einfachen Bauernfamilie und ist Schüler an der école vivante, dem Bildungscampus im Herzen von Ait Bouguemez. An der lebendigen Schule lernt er nicht nur die obligatorischen Lehrplaninhalte Marokkos; hier wird er vor allem in der Entwicklung und Entfaltung seiner gesamten Persönlichkeit und seiner Talente gefördert und lernt ausserdem auch aktiven Naturschutz, über sinnvolle Regennutzung und nachhaltige ökologische Landwirtschaft.

Wir haben den 10-jährigen Schüler Mohamed zum Interview gebeten:

Frage: In der letzten Zeit gab es mehrere Unwetter in der Gegend mit viel Regen und Gewitter. Wie war das für dich? 

Mohamed: Die haben mir echt Angst gemacht. Letzten Herbst hat es so stark geschüttet, dass in unserem Dorf das trockene Flussbett plötzlich ein reissender Strom war, der Häuser zum Einstürzen brachte oder sie mit Steinmassen zuschüttete.

Aber ihr wart doch sicher froh, nach dem überaus trockenen Sommer endlich genug Wasser zum Giessen und für die Brunnen zu haben?

Mohamed: Ehrlich gesagt hat der Regen alles nur kaputt gemacht und viele Felder und Apfelbäume wurden total zugeschwemmt vom Schlamm und mitgerissenem Geröll.

Konntet ihr nichts tun, um das Wasser zu sammeln? 

Mohamed: Ich erinnere mich noch wie mein Vater flehend im Unwetter neben unserem kleinen Feld stand und versuchte, mit der Harke Gräben zu ziehen, damit das Wasser besser geleitet würde. Aber das war nicht möglich, es war total gefährlich und wir mussten patschnass dabei zusehen, wie all unsere Apfelbäume niedergerissen und das wertvolle Futtergras für unsere Kuh vom Schlamm verschüttet wurde.

Und was ist sonst noch passiert im Tal? 

Mohamed: Am nächsten Tag ging ich zur Schule und kam fast nicht über den Fluss, der immer noch reissend herabstürzte. Auf der Asphaltstrasse kam der Schulbus kaum durch, da immer wieder grosse Erdmassen alles zugeschüttet hatten und die Bagger nun am Wegschaufeln waren, und wir kamen zu spät in die Schule.

Was lernst du an deiner Schule übers Gärtnern? 

Mohamed: Ich gehe an die école vivante. Und da lernen wir im Schulbuch, wie eine Pflanze wächst und so. Aber das Tolle ist, dass draussen jeder sein eigenes Beet hat und wir lernen, wie man Gemüse sät und pflanzt und mit selbstgemachtem Kompost düngt und mit geschnittenem Gras abdeckt, damit die Erde darunter schön feucht bleibt. Die Hühner unserer Schule picken immer wieder in den Beeten herum und lockern so die Erde auf. Aus der Ernte kochen wir dann leckere Dinge oder verarbeiten sie zu Sachen für den Winter.

Und was passierte bei dem Unwetter mit deinem Schulgarten? 

Mohamed: Am Morgen nach dem Unwetter gingen wir mit unserem Lehrer übers Schulgelände und schauten, was der Regen alles angerichtet hatte. Es war unglaublich! Da war eigentlich nichts zu sehen ausser etwas Wasser im Wassergraben am oberen Hang. Alles war sogar noch schöner als sonst: ganz grün und die Bäume und unser Schulgarten strahlten wie frisch gewaschen.

Hatte es dort wirklich nicht so heftig geregnet oder wie kam das?

Mohamed: Doch, das Gewitter war überall schlimm, aber durch die Terrassen hinter der Schule konnte das Wasser nicht einfach den Hang runterrasen, sondern lief in die oberen Sicker-Gräben und von dort trat es über in den nächsten tiefer liegenden Graben und dann in die Mulden all der vielen Bäume, die wir letztes Jahr gepflanzt hatten.
Das ganze Wasser blieb also oben schon in der Erde bei den Bäumen und die Wurzeln der Bäume hielten die Erde zusammen, sodass nichts abgeschwemmt wurde. Weiter unten Richtung Schule und meinem kleinen Garten war es gleich: Alles Regenwasser wurde automatisch durch die vielen Gräben und Vertiefungen bei den Beeten geleitet und gesammelt und nichts ging kaputt.
Und unser kleiner Gartenteich und der Brunnen sind nun schön voll.

Und was macht ihr nun zuhause?

Mohamed: Ich habe meinem Papa erzählt, dass an der Schule nichts kaputt ging und er ist selbst hergekommen und hat es sich angeschaut. Lukas, unser Permakultur-Lehrer aus der Schweiz, hat ihm und vielen anderen Leuten aus dem Tal erklärt wie man nur ganz wenig verändern muss, damit der nächste Regen keinen Schaden mehr anrichtet.
Dieses Jahr ist unsere Ernte leider kaputt. Aber nun ebnen wir auch Terrassen am Hang, pflanzen noch mehr Bäume oben und ziehen weitere Sicker-Gräben im Dorf, damit es nicht noch mal so schlimm kommt. Und zuhause habe ich mit meiner Mama einen Komposteimer in der Küche platziert, ein Teil davon bekommt unsere Kuh zu essen und ein Teil kommt auf den Haufen, damit sich neue, gute Erde bildet.

Schule bietet Lösungsansätze

Mohamed lernt an der école vivante wie alle SchülerInnen sowohl theoretisch als auch praktisch die Grundsätze der Permakultur, also nachhaltiger Landwirtschaft, wie man gut mit und von der Natur lebt, eigenes Saatgut zieht und Schädlingen mit selbstgemachtem Pflanzendünger den Garaus macht.

Das gesamte Schulgelände an Mohameds Schule ist nach Permakultur-Methoden gestaltet und wird von den SchülerInnen bewirtschaftet. Die ehemals steilen und kargen Hänge hinter der Schule wurden terrassiert und aufgeforstet, sodass dort – wo früher bei Regen Massen von Schlamm und Steinen herunterkamen – nun saftige Felder mit allerlei blühenden Obstbäumen sind.

Gemeinsam mit den anderen kümmert sich Mohamed um den Schulgarten, lernt Verantwortung zu übernehmen und sammelt neue Ideen, um in Zukunft solchen Regenkatastrophen und der drohenden Verwüstung des Landes selbst aktiv entgegenwirken zu können.

Die école vivante ist eine freie, aber staatlich anerkannte Grundschule und Teil des ganzheitlichen Bildungscampus campus vivant’e. Dieser bietet nicht nur seinen SchülerInnen, den LehrerInnen und deren Familien einen inspirierenden Ort zum gemeinsamen Lernen und Wachsen, sondern eröffnet auch dem gesamten Tal und seiner Bevölkerung einen Ort des Austauschs, der Bildung und beispielhaft echte Alternativen als Antworten auf die Herausforderungen der heutigen Zeit.

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